Sprachförderung als Standortfaktor – was der 8. Mai bewegt hat
Foto: Kevin Fuchs
Am 8. Mai haben wir in der NRW-Landesvertretung Berlin ein Gespräch geführt, das selten so stattfindet: Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft haben offen, substanziell und an manchen Stellen auch kontrovers darüber gesprochen, was passiert, wenn Sprachförderung wegfällt. Nicht abstrakt – sondern mit Menschen, die es täglich erleben.
Anlass war der Zulassungsstopp vom 9. Februar 2026, mit dem das BAMF rund 130.000 Menschen den freiwilligen Zugang zu Integrationskursen entzogen hatte. Ohne Folgenabschätzung. Ohne wirtschaftspolitisches Konzept, was stattdessen passieren soll.
Was auf dem Podium gesagt wurde
Mona Neubaur, Wirtschaftsministerin NRW und Vorsitzende der Integrationsministerkonferenz, machte deutlich: Alle Bundesländer stehen hinter der Forderung, den Zugang wieder zu öffnen. Das ist kein Oppositionsthema – es ist Konsens über Parteigrenzen hinweg. Und sie betonte: „Sprache ist der Schlüssel – aber Menschen brauchen auch Teilhabe abseits von ökonomischer Verwertung.“
Susanne Wißfeld, Geschäftsführerin von Randstad Deutschland, brachte die Vermittlungsperspektive auf den Punkt:
„Die Politik spart mit der Kürzung der Integrationskurse am falschen Ende. Sprachförderung ist kein Luxusgut, sondern die Basisinfrastruktur für den Arbeitsmarkterfolg. Wer hier den Rotstift ansetzt, entzieht der Wirtschaft die nötigen Fachkräfte von morgen.“
Nicole Peper, CHRO von IKEA Deutschland, zeigte was möglich ist wenn Unternehmen Werte über Zertifikate stellen – und sprach über das, was fehlende Sprachförderung konkret verhindert:
„Wenn wir möchten, dass Menschen nicht Gäste bleiben, sondern Kolleg:innen und Nachbar:innen werden, müssen wir Sprache als Schlüssel zur Teilhabe verstehen.“
Patrick Hoffmann, Leiter des Hauptstadtbüro Generali und The Human Safety Net beschrieb, was funktioniert wenn alle Teile der Integrationskette intakt sind:
„In den Projekten, die wir finanzieren und begleiten, erreichen wir Vermittlungsquoten zwischen 60 und 80 Prozent – weil dort Sprachförderung, echtes Empowerment, eine Beschäftigungsperspektive und verlässliche Partner aus der Wirtschaft zusammenkommen. Ohne Sprachkurse wird genau diese Kette unterbrochen.“
Ehsan Djafari, Co-Vorsitzender der Bundeskonferenz der Migrant:innenorganisationen, wies auf die Heterogenität der betroffenen Menschen hin – und auf das, was fehlt: ein kohärenter staatlicher Ansatz, der diese Vielfalt ernst nimmt statt fragmentierter Einzelmaßnahmen, die niemanden wirklich erreichen.
Das WIR-Netzwerk eröffnete die Fachdiskussion mit einem systemischen Befund: Der ab Juni geltende Arbeitsmarktzugang nach drei Monaten durch das GEAS-Anpassungsgesetz ohne begleitende Sprachförderung macht die Situation für Unternehmen noch schwieriger. Wer in drei Monaten arbeiten soll, braucht vom ersten Tag an Zugang zu Sprache.
Was unser Papier fordert
Gleichzeitig haben wir unser Positionspapier „Bedarfsorientierung statt Rückbau: Integrationskurse wirksam weiterentwickeln“ vorgelegt – entwickelt mit und für die Wirtschaft. Es benennt sieben konkrete Impulse:
- Freiwilligen Zugang sofort wieder öffnen
- Bedarfsorientierung und Differenzierung stärken
- Träger als Wirkungsakteure ernst nehmen
- Technische Innovation (Blended Learning) strukturell nutzen
- Datenlage verbessern
- Planungssicherheit für Arbeitgeber herstellen
- Sprache und Arbeit als parallelen Prozess gestalten
Die Evidenz ist eindeutig: Vollwertige Integrationskurse steigern die Beschäftigungsquote nach 12 Monaten um 4,4 Prozentpunkte. Den Kurskosten von 328 Millionen Euro stehen fiskalische Rückflüsse von 1,57 Milliarden Euro über fünf Jahre gegenüber. Verhältnis 1 zu 5.
→ Positionspapier herunterladen
Was seitdem passiert ist
Vier Tage nach unserer Veranstaltung hat die Koalition reagiert: Am 12. Mai einigten sich SPD-Bundestagsfraktion und Bundesinnenministerium auf einen Kompromiss. Der pauschale Zulassungsstopp ist vom Tisch.
Das ist ein Etappensieg – und wir begrüßen, dass der Druck gewirkt hat.
Aber wir bleiben kritisch: Das neue Kontingentsystem knüpft den Zugang an den jeweiligen Haushalt. Wie viele Menschen tatsächlich profitieren werden, hängt von den Haushaltsverhandlungen 2027 ab. Asylsuchende bleiben vorerst ausgeschlossen und erhalten stattdessen Erstorientierungskurse mit 300 statt 700 Unterrichtseinheiten – ein Format, das nach wissenschaftlicher Evidenz kaum messbaren Effekt auf die Beschäftigungsquote hat.
Die entscheidende Runde liegt noch vor uns.
Was jetzt kommt
Die Haushaltswochen im Bundestag werden zeigen, wie ernst es der Koalition mit Integration, Fachkräftesicherung und gesellschaftlicher Teilhabe wirklich ist. Die Novellierung der Deutschsprachförderverordnung steht im Sommer an. Wir werden weiter das Gespräch mit Berichterstatter:innen, Ministerien und Unternehmen suchen.
Wir bleiben dran.
Fotos vom Event: Kevin Fuchs – zur freien Verwendung mit Namensnennung.
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